Deutsch / B2

Der kluge Richter

Short story

Folgende Begebenheit wird aus dem Osten erzählt: Ein reicher Mann hatte aus Unvorsichtigkeit eine beträchtliche Summe Geld verloren, die in ein Tuch eingenäht war. Er machte seinen Verlust öffentlich bekannt und versprach dem ehrlichen Finder eine Belohnung von 100 Geldstücken.

Es dauerte nicht lange, bis ein Mann mit dem verlorenen Geld zu ihm kam. „Ich habe dein Geld gefunden. Das hier wird es wohl sein. Nimm dein Eigentum zurück!“, sagte er mit dem freundlichen Blick eines Menschen, der ein gutes Gewissen hat. Das war eine schöne Handlung.

Der Besitzer machte ebenfalls ein fröhliches Gesicht, allerdings nur deshalb, weil er sein verloren geglaubtes Geld wiederhatte. Wie es mit seiner eigenen Ehrlichkeit stand, sollte sich gleich zeigen. Während er die Geldstücke zählte, dachte er bereits darüber nach, wie er den Finder um die versprochene Belohnung bringen könnte. Er zählte 700 Stück.

„Guter Freund“, sagte er schließlich, „eigentlich waren 800 Geldstücke in das Tuch eingenäht. Ich finde aber nur noch 700. Du wirst wohl eine Naht geöffnet und deine Belohnung von 100 Geldstücken bereits herausgenommen haben. Das hast du richtig gemacht. Ich danke dir.“

Das war keine schöne Handlung. Doch die Geschichte war noch nicht zu Ende. Der ehrliche Finder wollte die Behauptung nicht auf sich sitzen lassen. Dabei ging es ihm weniger um die versprochenen 100 Geldstücke als um seinen guten Ruf. Er versicherte, er habe das Päckchen genau so gefunden, wie er es zurückbringe: Er habe weder etwas herausgenommen noch das Tuch geöffnet oder beschädigt.

Schließlich kamen die beiden vor einen Richter. Dort hielt jeder an seiner Darstellung fest. Der eine behauptete weiterhin, dass 800 Geldstücke eingenäht gewesen seien; der andere versicherte, das gefundene Päckchen unverändert zurückgegeben zu haben.

Der kluge Richter schien die Ehrlichkeit des Finders und die schlechten Absichten des Besitzers bereits zu erkennen. Zunächst ließ er sich von beiden ausdrücklich und feierlich bestätigen, dass ihre Aussagen wahr seien. Dann sprach er sein Urteil:

„Wenn der eine von euch 800 Geldstücke verloren hat, der andere aber nur ein Päckchen mit 700 gefunden hat, kann dieses Päckchen nicht das Eigentum des ersten sein. Du, ehrlicher Finder, nimmst das Geld daher wieder an dich und bewahrst es sicher auf, bis sich jemand meldet, der 700 Geldstücke verloren hat.“

Zum reichen Mann sagte er: „Dir kann ich nur raten, dich zu gedulden, bis derjenige kommt, der deine 800 Geldstücke findet.“ So entschied der Richter, und dabei blieb es.


English summary · includes the ending

A rich man loses some money sewn inside a piece of cloth. He offers a reward of 100 coins to anyone who returns it. An honest man finds the money and brings it back.

The owner counts 700 coins, but wants to avoid paying the reward. He claims that there were originally 800 coins inside. He says the finder must already have taken his reward. The finder denies opening the cloth or taking anything. His reputation matters more to him than the money.

They go to a judge, who asks both men to confirm their statements. He then says that a packet containing 700 coins cannot be the same packet as one containing 800. The finder must keep the money safe until someone who lost 700 coins appears. The rich man must wait for someone to find his supposed 800 coins. The judge's clever decision stands.

Adapted for Lejrbål from the credited source.
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