Deutsch / B2
Doktor Allwissend
Ein armer Bauer, der Krebs hieß, brachte eines Tages mit seinen beiden Ochsen eine Ladung Holz in die Stadt. Ein Arzt kaufte sie ihm für zwei Taler ab. Während Krebs sein Geld erhielt, saß der Käufer bei Tisch und ließ es sich schmecken. Der Anblick der guten Speisen weckte in dem Bauern einen Wunsch: Wenn ein Arzt so angenehm lebte, würde er selbst gern einer werden.
Er blieb noch eine Weile stehen und fragte schließlich, ob das wohl möglich sei.
»Natürlich«, erwiderte der Arzt. »Das ist schnell gemacht. Zuerst kaufst du dir ein Lesebuch mit einem Hahn darin. Dann verkaufst du Wagen und Ochsen und besorgst dir ordentliche Kleidung und alles, was sonst zum Arztberuf gehört. Zuletzt lässt du ein Schild malen: ›Ich bin Doktor Allwissend.‹ Das nagelst du über deine Haustür.«
Krebs führte sämtliche Anweisungen aus. Er hatte noch nicht lange als Arzt gearbeitet, als einem reichen Herrn eine größere Summe Geld gestohlen wurde. Man berichtete diesem von Doktor Allwissend, der in einem Dorf lebte und gewiss auch wusste, wo das Geld geblieben war. Der Herr ließ seine Kutsche anspannen und fuhr zu ihm.
Krebs bestätigte, dass er der gesuchte Doktor sei. Er erklärte sich auch bereit, das gestohlene Geld zu finden, bestand jedoch darauf, seine Frau Grete mitzunehmen. Der Herr hatte nichts dagegen. Zu dritt fuhren sie zum Schloss, wo bereits ein gedeckter Tisch auf sie wartete. Krebs sorgte dafür, dass auch seine Frau Platz nehmen durfte.
Als der erste Diener eine besonders feine Speise hereintrug, stieß der Bauer Grete an.
»Das war der Erste«, sagte er.
Gemeint war lediglich der erste Diener mit dem Essen. Dieser glaubte jedoch, der Doktor habe ihn als ersten Dieb erkannt. Da er tatsächlich an dem Diebstahl beteiligt war, erschrak er heftig. Kaum war er draußen, warnte er seine Kameraden: Der Doktor wisse alles, ihnen werde es schlecht ergehen.
Der zweite Diener wollte unter diesen Umständen gar nicht erst ins Zimmer, musste seine Schüssel aber trotzdem hineintragen. Krebs wandte sich erneut an seine Frau: »Grete, das ist der Zweite.« Der Mann zog sich so schnell wie möglich zurück. Dem dritten Diener erging es nicht besser. Auch ihn zählte der Bauer laut mit.
Der vierte trug eine Schüssel mit Deckel herein. Nun wollte der Hausherr die Fähigkeiten seines Gastes prüfen. Er forderte ihn auf zu erraten, was sich darunter verbarg. Es waren Krebse. Der Bauer wusste jedoch nicht weiter und beklagte lediglich sein eigenes Schicksal: »Ach, du armer Krebs!«
Der Herr verstand das als richtige Antwort. Wer den Inhalt einer verschlossenen Schüssel kannte, musste erst recht wissen, wo das gestohlene Geld lag!
Die Diener wurden immer unruhiger und baten den Doktor durch Zeichen, kurz mit hinauszukommen. Dort gestanden alle vier den Diebstahl. Sie seien bereit, das Geld zurückzugeben und ihm zusätzlich eine beträchtliche Belohnung zu zahlen, wenn er sie nicht verrate. Schließlich drohe ihnen sonst der Tod am Galgen. Sie führten ihn zum Versteck, und Krebs erklärte sich mit dem Vorschlag zufrieden.
Wieder im Saal, setzte er sich an den Tisch und kündigte an, nun in seinem Buch nach dem verborgenen Gold zu suchen. Inzwischen war ein fünfter Diener in den Ofen gekrochen. Er wollte heimlich hören, was der Doktor noch alles wusste.
Krebs schlug sein Lesebuch auf, blätterte hin und her und suchte nach dem Hahn. Weil er das Bild nicht sofort entdeckte, sagte er: »Ich weiß, dass du da bist. Komm nur heraus!«
Der Lauscher im Ofen bezog die Worte auf sich. Voller Entsetzen sprang er hervor und rief: »Dieser Mann weiß wirklich alles!«
Daraufhin zeigte Doktor Allwissend dem Herrn, wo dessen Geld versteckt war. Die Namen der Diebe verschwieg er, wie vereinbart. Sowohl der Bestohlene als auch die Diebe belohnten ihn reichlich, und aus dem armen Bauern wurde ein berühmter Mann.
English summary · includes the ending
A poor farmer named Krebs envies a doctor’s comfortable life. Following the doctor’s advice, he buys a reading book, changes his clothes and puts up a sign calling himself Doctor Knowall.
Soon a rich man asks him to recover stolen money. The farmer brings his wife to the man’s house, where they are given a meal.
As the servants bring the dishes, he counts them aloud. The servants are the thieves, and they think he is identifying them. Next, the host asks him to guess what is inside a covered dish. The farmer sadly says his own name, Krebs, which also means crayfish—the food inside.
Convinced that he knows everything, the thieves confess and show him the money. A fifth servant, hiding nearby, also misunderstands his words and gives himself away. The farmer returns the money without naming the thieves. Both sides reward him, and his reputation grows.
Adapted for Lejrbår from the credited source.
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