Deutsch / C1
Das kluge Gretel
Es war einmal eine Köchin namens Gretel, die Schuhe mit roten Absätzen trug. Wenn sie damit ausging, drehte sie sich vergnügt hin und her und dachte bei sich, dass sie doch ein recht hübsches Mädchen sei. Nach Hause zurückgekehrt, nahm sie aus Freude darüber einen Schluck Wein. Da Wein bekanntlich den Appetit anregt, kostete sie anschließend vom Besten, was sie zubereitet hatte, und hörte damit gewöhnlich erst auf, wenn sie satt war. Ihre Begründung lag auf der Hand: Eine Köchin musste schließlich wissen, wie ihr Essen schmeckte.
Eines Tages kündigte ihr Herr einen Gast zum Abendessen an und trug ihr auf, zwei Hühner recht schmackhaft zuzubereiten. Gretel versprach, das schon zu besorgen. Sie schlachtete die Hühner, brühte und rupfte sie, steckte sie auf den Spieß und brachte sie gegen Abend ans Feuer. Bald war die Haut braun und das Fleisch gar, doch der erwartete Besucher blieb aus.
Gretel rief ihren Herrn. Wenn der Gast nicht bald komme, müsse sie die Hühner vom Feuer nehmen. Es sei ein Jammer, sie nicht gerade jetzt zu genießen, da sie am saftigsten seien. Der Herr wollte das gute Essen ebenso wenig verderben lassen wie sie und machte sich auf, den Gast selbst zu holen.
Sobald er ihr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß beiseite. Die Hitze hatte sie ins Schwitzen gebracht; durstig war sie auch, und wann die beiden Herren eintreffen würden, ließ sich schließlich nicht absehen. Bis dahin konnte sie sich einen Schluck gönnen. Sie eilte in den Keller, setzte den Krug an und trank sich mit den Worten „Wohl bekomm's, Gretel!“ selbst zu.
Nun war es allerdings mit dem Wein so, dass ein Schluck den nächsten nach sich zog. Mitten darin abzubrechen erschien ihr nicht ratsam. Also tat sie einen zweiten, kräftigen Zug, bevor sie in die Küche zurückkehrte, die Hühner wieder über das Feuer stellte und mit Butter bestrich. Munter drehte sie den Spieß.
Der Braten duftete vorzüglich. Dennoch musste geprüft werden, ob ihm nicht etwas fehlte: Ohne zu kosten konnte eine gewissenhafte Köchin das kaum beurteilen. Gretel leckte sich den Finger ab und stellte fest, dass die Hühner ausgezeichnet geraten waren. Es wäre geradezu eine Sünde, sie jetzt nicht zu essen.
Sie lief ans Fenster, um nach ihrem Herrn und seinem Gast Ausschau zu halten. Niemand zeigte sich. Wieder am Feuer, fand sie einen weiteren Grund einzugreifen: Der eine Flügel drohte zu verbrennen. Besser, sie aß ihn rechtzeitig weg. Sie schnitt ihn ab, ließ ihn sich schmecken und erkannte, kaum dass sie fertig war, ein neues Problem. Wenn auf der einen Seite ein Flügel fehlte und auf der anderen nicht, würde ihr Herr das unweigerlich bemerken. Der zweite musste also ebenfalls herunter.
Nachdem beide Flügel verzehrt waren, sah sie erneut aus dem Fenster. Noch immer keine Spur von den Männern. Wer wusste, ob sie nicht unterwegs irgendwo eingekehrt waren? Möglicherweise kamen sie überhaupt nicht mehr zum Essen. Gretel sprach sich Mut zu: Das eine Huhn war ohnehin angefangen; mit einem frischen Schluck Wein konnte sie es ebenso gut vollends aufessen. Danach hätte sie ihre Ruhe. Weshalb sollte ein so gutes Essen verderben?
Sie ging abermals in den Keller, trank und verspeiste das erste Huhn mit dem größten Vergnügen. Da ihr Herr sich weiterhin nicht blicken ließ, fiel ihr Blick auf das zweite. Wo das eine war, musste auch das andere hin; die beiden gehörten zusammen. Was dem einen recht war, konnte dem anderen nur billig sein. Ein weiterer kräftiger Schluck würde ihr gewiss nicht schaden. So fand schließlich auch das zweite Huhn seinen Weg zum ersten.
Mitten in diesem Genuss kehrte ihr Herr zurück und rief: „Beeil dich, Gretel! Der Gast kommt gleich nach!“
„Ja, ich werde schon anrichten“, erwiderte sie. Währenddessen überzeugte er sich davon, dass der Tisch ordentlich gedeckt war, nahm das große Messer zum Zerteilen der Hühner und begann, es im Flur zu wetzen.
Da klopfte der Gast, höflich und ohne Argwohn, an die Haustür. Gretel eilte hin, erkannte ihn und legte den Finger an den Mund.
„Still! Machen Sie nur schnell, dass Sie wieder fortkommen! Wenn mein Herr Sie erwischt, sind Sie verloren. Zum Abendessen hat er Sie zwar eingeladen, aber er führt nichts anderes im Schilde, als Ihnen beide Ohren abzuschneiden. Hören Sie doch, wie er das Messer dazu schärft!“
Der Gast brauchte nicht lange zu lauschen. Das Wetzen war deutlich zu hören. Er kehrte auf der Stelle um und hastete die Treppe hinunter.
Gretel verlor keine Zeit. Laut rufend lief sie zu ihrem Herrn: „Da haben Sie sich ja einen schönen Gast eingeladen!“ Auf seine verwunderte Frage erklärte sie, der Besucher habe ihr beide Hühner von der Platte genommen, gerade als sie sie auftragen wollte, und sei damit davongelaufen.
Das war eine feine Art! Dem Herrn tat es leid um die schönen Hühner. Wenigstens eines hätte der Gast ihm doch lassen können, damit für ihn selbst etwas zu essen übrig blieb. Er rief dem Flüchtenden zu, er solle warten; als dieser nicht hören wollte, setzte er ihm nach, das Messer noch immer in der Hand.
„Nur eins! Nur eins!“, schrie er und meinte damit, der Gast solle ihm wenigstens ein Huhn zurückgeben. Der aber konnte die Worte nach Gretels Warnung nur so verstehen, dass er eines seiner Ohren opfern sollte. Nun lief er, als brenne ihm Feuer unter den Füßen, damit er beide unversehrt nach Hause brächte.
English summary · includes the ending
Gretel is a cook who enjoys good food and wine. One evening, her employer asks her to prepare two chickens for a guest. The visitor is late, so her employer goes out to find him. While she waits, Gretel drinks some wine and tastes the food. She eats one wing, then the other, and finally both chickens.
Her employer returns and sharpens a knife to cut up the meal. When the guest arrives, Gretel quietly warns him that his host plans to cut off his ears. The sound of the knife makes her story believable, and the frightened guest runs away.
Gretel then tells her employer that the visitor has stolen both chickens. He follows the guest with the knife still in his hand, calling for just one. He means one chicken, but the guest thinks he means one ear and runs even faster.
Adapted in contemporary German for LEJRBÅL from Jacob and Wilhelm Grimm’s public-domain Das kluge Grethel, Kinder- und Hausmärchen, no. 77 (source edition: 1857).
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