Deutsch / B2
Das kluge Gretel
Gretel war Köchin und hatte Freude am Leben. Besonders gern trug sie ihre Schuhe mit den roten Absätzen. Ging sie darin aus, so drehte sie sich zufrieden hin und her und dachte, was für ein hübsches Mädchen sie doch sei. Wenn sie nach Hause kam, gönnte sie sich aus lauter guter Laune einen Schluck Wein. Der Wein machte ihr Appetit, und so probierte sie von ihren Gerichten, bis sie satt war.
„Die Köchin muss wissen, wie das Essen schmeckt“, erklärte sie sich selbst. Damit war für sie alles in Ordnung.
Eines Tages sagte ihr Herr: „Gretel, heute Abend bekomme ich Besuch. Bereite mir zwei schöne Hähnchen zu.“ Gretel versprach, sich darum zu kümmern. Sie machte die Tiere küchenfertig, steckte sie auf einen Spieß und stellte sie gegen Abend ans Feuer.
Allmählich wurden die Hähnchen braun, und das Fleisch war gar. Nur der Gast ließ auf sich warten. Gretel rief ihren Herrn und erklärte, sie müsse das Essen vom Feuer nehmen, falls der Besucher nicht bald eintreffe. Es wäre doch schade, die Hähnchen nicht zu essen, solange sie so saftig seien. Ihr Herr beschloss, selbst nach dem Gast zu sehen.
Kaum war er fort, legte Gretel den Spieß zur Seite. So lange am Feuer zu stehen machte durstig, und wer wusste schon, wann die Männer kommen würden? Also lief sie in den Keller, hob den Krug und trank sich selbst auf die Gesundheit zu. Weil sich nach dem ersten Schluck ein zweiter geradezu anbot, blieb es nicht bei einem.
Anschließend stellte sie die Hähnchen wieder über das Feuer, strich Butter darüber und drehte den Spieß. Der Duft war so gut, dass sie unbedingt probieren musste. Schließlich konnte dem Essen noch etwas fehlen. Doch nein: Besser hätten die Hähnchen kaum schmecken können!
Gretel schaute zum Fenster hinaus. Vom Herrn und seinem Gast war nichts zu sehen. Zurück am Feuer, bemerkte sie, dass ein Flügel zu verbrennen drohte. Den schnitt sie ab und aß ihn auf. Nun fehlte aber auf einer Seite etwas. Damit dieser Unterschied nicht auffiel, entfernte und aß sie auch den zweiten Flügel.
Noch einmal ging sie ans Fenster. Wieder niemand. Vielleicht waren die Männer irgendwo eingekehrt und würden gar nicht mehr zum Essen kommen. Das erste Hähnchen war ohnehin schon angefangen. Sollte sie etwa zulassen, dass dieses gute Essen verdarb? Sie trank noch etwas Wein und aß es vollständig auf.
Als ihr Herr weiterhin ausblieb, betrachtete sie das zweite Hähnchen. Die beiden gehörten doch zusammen. Was für das eine galt, konnte für das andere nicht falsch sein. Ein weiterer Schluck Wein half ihr bei dieser Überlegung, und bald folgte das zweite Hähnchen dem ersten.
Während Gretel noch aß, kehrte ihr Herr zurück. „Mach schnell! Der Gast kommt gleich nach!“ Sie antwortete, sie werde sofort anrichten. Er überprüfte inzwischen den Tisch und nahm das große Messer, mit dem er das Fleisch zerteilen wollte. Im Flur begann er, es zu schärfen.
Nun klopfte der Gast höflich an die Haustür. Gretel öffnete, legte den Finger an die Lippen und flüsterte: „Leise! Machen Sie, dass Sie wegkommen! Mein Herr hat Sie zwar zum Essen eingeladen, aber in Wahrheit will er Ihnen beide Ohren abschneiden. Hören Sie nur, wie er schon das Messer schärft!“
Der Gast hörte tatsächlich das Geräusch. Ohne auf weitere Erklärungen zu warten, eilte er die Treppe hinunter.
Gretel lief zu ihrem Herrn und rief: „Da haben Sie sich einen schönen Gast eingeladen! Beide Hähnchen hat er mir von der Platte genommen und ist damit fortgelaufen!“
Der Herr konnte sich über so ein Verhalten nur wundern. Wenigstens eines hätte der Besucher ihm lassen können, damit auch er etwas zu essen hatte. Er rief ihm nach, er solle stehen bleiben. Als der Gast nicht reagierte, lief er hinterher, das Messer noch in der Hand.
„Nur eins! Nur eins!“, schrie er. Er wollte nur ein Hähnchen zurück. Der Gast dagegen war überzeugt, dass sein Verfolger sich jetzt mit einem Ohr begnügen würde. Um beide zu behalten, rannte er, so schnell er konnte.
English summary · includes the ending
Gretel is a cook who enjoys good food and wine. One evening, her employer asks her to prepare two chickens for a guest. The visitor is late, so her employer goes out to find him. While she waits, Gretel drinks some wine and tastes the food. She eats one wing, then the other, and finally both chickens.
Her employer returns and sharpens a knife to cut up the meal. When the guest arrives, Gretel quietly warns him that his host plans to cut off his ears. The sound of the knife makes her story believable, and the frightened guest runs away.
Gretel then tells her employer that the visitor has stolen both chickens. He follows the guest with the knife still in his hand, calling for just one. He means one chicken, but the guest thinks he means one ear and runs even faster.
Adapted in contemporary German for LEJRBÅL from Jacob and Wilhelm Grimm’s public-domain Das kluge Grethel, Kinder- und Hausmärchen, no. 77 (source edition: 1857).
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