Deutsch / C1

Der Blinde und der Lahme

Short story

Zufällig begegnete ein Mann, der nicht gehen konnte, auf der Straße einem blinden Mann. Bei diesem weckte die Begegnung sogleich freudige Hoffnung: Er rechnete damit, dass der andere ihn führen könnte.

„Dir beistehen?“, wandte sein Gegenüber ein. „Ich kann doch selbst nicht gehen.“ Damit war die Möglichkeit gemeinsamer Hilfe jedoch keineswegs erschöpft. Denn der blinde Mann besaß offenbar kräftige Schultern, die sich zum Tragen eigneten.

Der andere schlug ihm deshalb vor: „Entschließe dich, mich auf deinem Rücken mitzunehmen, dann werde ich dir die Wege weisen. Dein starker Fuß wird damit auch mein Bein sein, und mein sehendes Auge wird zugleich dir dienen.“

Mit seinen Stützen stieg der Mann auf den breiten Rücken des anderen. So vereinten die beiden ihre Fähigkeiten und brachten gemeinsam zustande, was keinem von ihnen allein möglich gewesen wäre. Die Beweglichkeit des einen und das Sehvermögen des anderen ergänzten sich.

Nicht jeder verfügt über das, was andere besitzen; umgekehrt fehlen diesen womöglich gerade seine Fähigkeiten. Aus solcher Unvollkommenheit erwächst menschliche Gemeinschaft. Hätte der andere all die Gaben, die einem selbst gegeben sind, würde er sich vielleicht nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.

Statt sich darüber zu beklagen, dass einem ein Vorteil versagt bleibt, den ein anderer besitzt, kann man ihn durch gegenseitige Unterstützung gemeinsam nutzen. Dazu müssen Menschen bereit sein, miteinander zu handeln.


English summary · includes the ending

A man who cannot walk meets a blind man on the street. The blind man is pleased, because he hopes that the other man will guide him. However, the stranger explains that he cannot walk himself.

Then he notices the blind man's strong shoulders and suggests a way for them to help each other. If the blind man carries him, he can give directions. One man's legs will serve them both, while the other man's eyes will guide their journey.

Taking his walking supports with him, the man climbs onto the blind man's broad back. Together they can now achieve something that neither could manage alone.

The fable ends by extending this idea to people in general. Different abilities can become a reason for cooperation. Instead of only complaining about what we lack, we can share what we have and benefit from one another's strengths.

Adapted for Lejrbål from the credited source.
Read the source